Lyoner Jacquardwebstuhl

Webmuster SECESSION

Lyoner Feinstich-Jacquardwebstuhl


August 2020: Uns erreichte eine Anfrage vom Textilen Zentrum Haslach/Österreich, ob wir einen kompletten Jacquardwebstuhl mit Lyoner Feinstich-Teilung von einer älteren Dame übernehem möchten. Auf den Fotos war ein wunderschöner Webstuhl mit zwei Jacquard-Maschinen und einem fein gearbeiteten hölzernen Unterbau zu sehen. Dazu eine passende Karten-Schlagmaschine. Nach einigem Zögern habe ich mich entschlossen, die Ausrüstung zu übernehmen. Ich hätte es sehr schade gefunden, wenn der Webstuhl irgendwo zerlegt gelagert worden wäre oder verschrottet worden wäre. Im August 2020, im zweiten Jahr der Covid19-Pandemie sind wir zu viert in einem Transporter ins Mühlviertel/Österreich gefahren und haben dort den bereits in Teilen abgebauten Webstuhl komplett zerlegt und in unsere Werkstatt nach Burglengenfeld gebracht.
August 2020: Um den großen Webstuhl überhaupt aufbauen zu können musste ersteinmal die Werkstatt komplett umgebaut werden. Die Räume sind nur in einem Bereich 2,90 m hoch und dort stand bereits der 400er Jacquard-Webstuhl. Dessen oberer Aufbau wurde so verändert, dass er auch in dem Bereich mit nur 2,70 m Deckenhöhe stehen konnte. Auch am Rahmen des Lyoner Webstuhls mussten Veränderungen vorgenommen werden. Für das Schaftgeschirr wurde eine Parallelzug-Einrichtung eingebaut. Der Plan war so, dass die Schäfte über die kleine Jacquardmaschine unabhängig von der großen Maschine betrieben werden konnten.
September 2020: Im September 2020 erfolgte der Einzug des Harnischs an der Haupt-Jacquardmaschine. Die Einrichtung des Webstuhls ist so, dass in der Mitte ein großer Musterblock über 1294 Platinen besteht. Dieser wird links und rechts nicht wiederholt. Stattdessen schließen sich dort zwei Bereiche an, die ungemustert gewebt werden können. ZUsaätzlich gibt es noch 4 Platinen, mit denen der Köperrand des Gewebes gewebt wird. Für die 1294 Platinen bedeutet dies, dass dort jeweils nur ein Harnischseil eingehängt wird. Die Seile wurden nach unten durch das Gallierbrett geführt und vollziehen dabei eine 1/4-Drehung.
Januar 2021: Erst über den Jahrswechsel 2020/2021 konnte dann der nächste Schritt erfolgen: Das Einhängen der Litzen. An jedes Harnischseil, das von der Jacquard-Maschine kommt, wurde eine einzelne Litze aus Stahldraht angeknotet.
Dezember 2021: Ein ganzes Jahr verging dann, bis der Webstuhl eine erste Testkette bekommen hat. Sie diente hauptsächlich dazu, die Funktion der Jacquard-Maschine zu überprüfen und Feineinstellungen vorzunehmen, damit die Nadeln im Mechanismus genau in die Löcher der Lochkarten treffen. Dazu muss der Zylinder, über den die Lochkarten laufen, präzise ausgerichtet werden.
Dezember 2023: Im Dezember 2023 erhält der Webstuhl eine neue Kette. In den zurückliegenden zwei Jahren wurden Lochkarten für zwei Muster angefertigt und die Pläne, was auf dem Webstuhl gefertigt werden soll, hatten sich konkretisiert. Beim Aufziehen der neuen Kette brachen die Direktzettelleisten, die der Vorgänger am Kettbaum angebracht hatte. Für eine längere Kette waren die wohl einfach zu dünn.
2024: Noch immer fehlen am Webstuhl wichtige Bauteile, um darauf etwas produzieren zu können. Im Januar 2024 wird der Warenbaum mit passenden Kugellagern versehen. Diese Lager gehören zu einem komplexen Regulatorsystem, mit dem die Kette während des Webens weitertransportiert und unter Spannung gehalten wird. Die ersten Teile für den Regulator treffen im April 2024 aus den USA ein. Die einzelten Teil müssen aber aufwändig nachbearbeitet werden, damit die amerikanischen Maße zu den anderen aus Deutschland stammenden Teilen passen.
Januar 2025: 2025 hat sich dann sehr viel am Webstuhl getan. Im Januar konnte der Regulator provisorisch montiert werden. In mühevoller Kleinarbeit sind mehrere Eisenteile von Hand in Form gebracht worden. Außerdem ist der Kartenlauf montiert worden, in dem später die vielen Lochkarten während des Webens hängen. Im Gegensatz zu den anderen Webstühlen haben wir uns hier für eine Konstruktion aus Flacheisen entschieden, weil die Karten ein enormes Gewicht auf die Waage bringen. Damit der Warenbaum samt Regulator am Webstuhl montiert werden konnte, mussten an den beiden vorderen Webstuhlpfosten zwei Konsolen gebaut und montiert werden. Auf diesen wiederumsitzen die Halterungen der Kugellager.

Weiter ging es am hinteren Teil des Webstuhls. Hier haben wir einen zweiten Kettbaum mit einer Seilbremse versehen. Auf dem Kettbaum wurden zwei Metallrohre montiert, um die ein Bremsseil geführt werden kann. Seitliche Metallscheiben verhindern das Abrutschen der Bremsseile. Unter dem Kettbaum wurden zwei Bremshebel angebracht, über die die Bremsswirkung auf den Kettbaum mit Hilfe eines Gewichts reguliert werden kann.

Ende Januar konnten dann auch die Feinarbeiten am Regulator abgeschlossen werden. Der Hebel des Regulators wird über einen Seilzug in Bewegung gesetzt, der mit der Antriebswelle des Jacquard-Mechanismus' verbunden ist. Über einen Zwischenhebel kann die Hebelwirkung geregelt werden.
August 2025: Während wir den jetzt voll funktionsfähigen Webstuhl im Sommer 2025 getestet haben, stellten wir fest, dass die kleinen Karabiner unterhalb des Jacquard-Mechanismus' sich gegenseitig behindert und aneinander hängen bleiben können. Dies verursacht Fehlstellen im Gewebe und ist nicht kontrollierbar. Während die Karabiner in der einen Richtung durch Glasstäbe voneinander getrennt sind, fehlt in der anderen Richtung diese Trennung. Wir haben daher mit Hilfe einen amerikanischen Kollegen entschieden, unter den Glasstäben eine zweite Ebene mit Trennstäben einzubauen.
Oktober 2025: Durch den Einbau der Trennstäbe unter dem Jacquardmechanismus waren nun aber die Litzen nicht mehr auf gleichem Niveau. In einer letzten Kraftanstrengung haben wir deshalb die Litzen neu angeknotet und dabei ein Verknotungssystem verwendet, mit dem wir auch beim kleinen Jacquardwebstuhl schon sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Die Metalllitzen haben die Eigenschaft, die Knoten zu lockern, wenn das Harnischseil direkt angeknotet ist. Wir haben stattdessen eine Schlaufe eingefügt, die mit Pferdekopfknoten (was eigentlich nur eine Schlinge ist) sowohl mit der Litze als auch mit dem Harnischseil verbunden sind. Auf dem Harnischseil sitz nun nur ein Stopperknoten, der verhindert, dass die Schlaufe abrutscht. Im Knoten selbst ist aber nun keine Belastung mehr und er kann sich deshalb nicht lockern.

In einem zweiten Arbeitsschritt wurden die Litzen auf gleiches Niveau gebracht und alle überstehenden Seilenden entfernt. Diese Arbeiten haben wir Im November abgeschlossen.
Dezember 2025: Im Dezember 2025 hat der Lyoner Jacquardwebstuhl dann endlich wieder eine Kette bekommen und wir haben angefangen darauf zu arbeiten. Der Aufwand hat sich geloht, wie man an den Ergebnissen sehen kann.